Der jüngste Bericht des Stockholmer Friedensforschungsinstituts (SIPRI), der am 10. März veröffentlicht wurde, zeigt, dass die Bemühungen Europas, seine Abhängigkeit von den Verteidigungskapazitäten der USA zu verringern, weiterhin eine große Herausforderung darstellen.
Europas Kampf um Verteidigungsautonomie
Die europäischen Länder ergreifen zunehmend beispiellose Maßnahmen bei ihren Verteidigungsausgaben. Zu diesen Bemühungen gehört auch der Versuch, die Abhängigkeit von Washington zu verringern – ein Schritt, der teilweise von der Politik des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump beeinflusst wurde.

Dem Bericht zufolge sind die europäischen Länder nach wie vor stark von Waffen amerikanischer Produktion abhängig. Zwischen 2020 und 2024 stammten 64 Prozent der Waffenimporte der europäischen NATO-Mitglieder aus den USA. Dies stellt einen Anstieg gegenüber den 52 Prozent zwischen 2015 und 2019 dar.
Die Dominanz der USA auf dem globalen Waffenmarkt
Die USA bleiben der weltweit führende Waffenlieferant. Ihr Anteil an den weltweiten Waffenexporten stieg von 35 % in den Jahren 2015–2019 auf 43 % in den letzten vier Jahren. Bemerkenswert ist, dass Europa (35 %) erstmals seit zwei Jahrzehnten den Nahen Osten (33 %) als größten Empfänger von US-Waffen überholt hat.
Angst vor politischen Kurswechseln in den USA
Trumps Aussetzung der Militärhilfe für die Ukraine nach einem Streit mit Präsident Wolodymyr Selenskyj löste in ganz Europa Besorgnis aus. Die Angst, Washington könnte ähnliche Maßnahmen gegen europäische Verbündete ergreifen, hat die Diskussion über eine Verringerung der Abhängigkeit von amerikanischer Verteidigungsunterstützung angeheizt. Wie die Ergebnisse des SIPRI jedoch nahelegen, ist dieses Ziel noch lange nicht erreicht.
Einfluss der USA auf die europäische Verteidigung
Die USA verfügen über eine technologische und logistische Vormachtstellung in der Verteidigung und haben damit erheblichen Einfluss auf die europäischen Militärkapazitäten. Mehrere wichtige Waffensysteme verdeutlichen diese Abhängigkeit:
- F-16 Kampfjets dürfen nicht ohne die Zustimmung der USA an Drittstaaten weitergegeben werden.
- Patriot-Raketenabwehrsysteme erfordern US-Raketenunterstützung, um effektiv zu funktionieren.
- HIMARS-Raketensysteme verlassen sich auf GPS-Koordinaten, die von den USA kontrolliert werden
- F-35 Kampfjets können von den USA bei Bedarf technisch stillgelegt werden.

Historisch betrachtet agieren die europäischen Länder im Rahmen von Allianzen und strategischen Prinzipien. Jüngste Entwicklungen deuten jedoch darauf hin, dass eine Diversifizierung und Stärkung des europäischen Verteidigungssektors zunehmend dringlicher wird.
Wird Europa weiterhin US-Waffen kaufen?
Trotz zunehmender Forderungen nach verteidigungspolitischer Unabhängigkeit glauben viele Analysten, dass Europa ein wichtiger Abnehmer amerikanischer Waffen bleiben wird. Pieter Wezeman, leitender Forscher im Waffentransferprogramm des SIPRI, weist darauf hin, dass Europa zwar Anstrengungen unternimmt, seine Rüstungsindustrie zu stärken, die tief verwurzelten transatlantischen Verteidigungsbeziehungen jedoch weiterhin bestehen. Die europäischen NATO-Staaten haben unter anderem rund 500 US-Kampfflugzeuge bestellt.
Frankreich und Italien steigern Waffenexporte
Die Daten des SIPRI zeigen, dass Frankreich der führende Waffenexporteur innerhalb der Europäischen Union ist. Es hat Russland überholt und liegt nun weltweit auf Platz zwei nach den USA. Zwischen 2020 und 2024 stiegen die französischen Waffenexporte in andere europäische Länder um 187 %, was hauptsächlich auf Verkäufe an Griechenland, Kroatien und die Ukraine zurückzuführen ist. Indien und Katar bleiben Frankreichs größte Abnehmer.
Auch Italien verzeichnete einen deutlichen Anstieg seiner Waffenexporte und stieg weltweit vom zehnten auf den sechsten Platz, mit einem Umsatzplus von 10 Prozent. Polen, ein weiterer aufstrebender Waffenexporteur, verzeichnete einen erstaunlichen Anstieg seines Waffenhandels um 6 Prozent.
Europas führende Waffenimporteure
Großbritannien steht an der Spitze der europäischen Waffenkäufer, gefolgt von Polen, dessen Waffenimporte um 508 Prozent stiegen. Die Niederlande belegen den dritten Platz. Den stärksten Rückgang verzeichnete Italien mit einem Rückgang der Importe um 27 Prozent.
Wenig überraschend war die Ukraine in den letzten vier Jahren der größte Waffenimporteur Europas. Ihre Importe stiegen aufgrund des anhaltenden Krieges mit Russland um beispiellose 9627 Prozent.

Steigende Waffenexporte der Türkei
Die Türkei hat sich zu einem bedeutenden Akteur auf dem globalen Waffenmarkt entwickelt, wie die Ergebnisse des SIPRI belegen. Von 2015 bis 2019 betrug der Anteil der Türkei an den weltweiten Waffenexporten 0.8 %. Zwischen 2020 und 2024 verdoppelte sich dieser Wert jedoch auf 1.7 %, was einem Anstieg von 103 % entspricht. Die Türkei belegt nun Platz 11 unter den 25 größten Waffenexporteuren der Welt.
Die größten Importeure von Türkische Waffen Zu den Ländern, die in diesem Zeitraum importiert wurden, gehörten die Vereinigten Arabischen Emirate, Pakistan und Katar. Gleichzeitig sanken die Waffenimporte der Türkei um 33 %, wodurch sich ihr Anteil an den weltweiten Waffenimporten auf 1.1 % verringerte.
Die strategische Expansion der Türkei in Afrika
Das diplomatische Engagement der Türkei in Afrika spiegelt sich auch im Waffenhandel wider. Angesichts zunehmender Sicherheitsbedenken haben die westafrikanischen Länder ihre Waffenimporte im Vergleich zum Zeitraum 2015–2019 verdoppelt. Die Türkei gehört nun neben China (26 %) und Frankreich (14 %) zu den drei größten Lieferanten der Region, wobei die Türkei und Russland jeweils einen Anteil von 11 % halten.
Russlands Rückgang der Waffenverkäufe
Russlands Waffenexporte sind laut SIPRI dramatisch zurückgegangen und sanken um 62 Prozent. Experten führen dies auf den Ukraine-Krieg zurück, der die russische Inlandsnachfrage nach militärischer Ausrüstung erhöht hat, sowie auf westliche Sanktionen, die den Waffenhandel einschränken. Russland bleibt ein wichtiger Lieferant für Indien (38 Prozent), China (17 Prozent) und Kasachstan (11 Prozent), doch sein Einfluss auf dem Weltmarkt schwindet.
Die Zukunft der europäischen Verteidigung
Angesichts anhaltender geopolitischer Spannungen steht Europa vor einer kritischen Entscheidung: Soll es weiterhin auf die militärische Unterstützung der USA setzen oder seine Bemühungen um Verteidigungsautarkie beschleunigen? Während die transatlantischen Verteidigungsbeziehungen weiterhin stark sind, gewinnt das Streben nach europäischer Verteidigungsautonomie an Dynamik. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob sich Europa von der US-Dominanz befreien oder ein wichtiger Akteur in Washingtons strategischem Verteidigungsnetzwerk bleiben kann.



